Zwischen Reben, Chaos und Feierabendwein: Der tägliche Wahnsinn im Weinberg

Autor: Harald

  • Vollblüte

    2010-06-23-vollblute.jpg

    Die Rebblüte: Fast exakt im langjährigen Vegetationsdurchschnitt. Die Guten Lagen etwas weiter vorangeschritten, die weniger Guten etwa hintendran.  Durch das jetzt herrschende stabile Hoch mit seinen warmen Temperaturen dürfte die Befruchtung der Reben sehr gut verlaufen und ein guter Traubenansatz die Folge sein. Die erste wichtige Hürde für den Neuen Jahrgang ist genommen.

  • Weinrallye 34: Wein und Knabberei – food pairing

    weinrallye_140.jpg

    Foodpairing – man sollte sich diese Anglizismen sparen – als Themenvorschlag vom Winzerblog für Weinrallye Nr. 34:

     „Aber was dann? Die Gäste sind perfekt, die Weine sind perfekt, das Ambiente ist perfekt, kann es dann wirklich sein das dann eine Tüte Kartoffelchips oder eine paar trockene Brotscheiben auf dem Tisch landen? Zur Weinrallye #34 möchte ich gerne von euch wissen was gibt es denn bei euch als Knabberei zum Wein?

     Backt und kocht ihr vielleicht sogar selber? Gibt es Eingelegtes oder Käse? Mögt ihr es pikant, würzig, salzig oder eher neutral? Vielleicht sogar süß? Ihr dürft dabei den Begriff Knabberei gerne weitläufig interpretieren, ob ihr das Antipasto, Tapas, Häppchen oder Canapés nennt spielt dabei keine Rolle…“

     Tja, guter Rat ist da teuer.  Salzstangen verzehre ich nur, wenn ich mit Heißhunger aus dem Weinberg komme und das Abendessen noch in Ferne ist, über Erdnüsse zu schreiben ist langweilig und die ab und zu  gegessene Tafel Schokolade passt nun wirklich nicht zum trockenen Riesling.

    Dann muß ich das Thema wohl anders beleuchten.

    Natürlich; Regional denken und schon etwas gefunden.  Nur in meinem Heimatort bekannt, drei Käffer weiter schon unbekannt: Moselriesling und Reiler Gemüse!

    Im Anschluß an gemeinsame Arbeiten, sei es beim Zeltauf- oder abbau vom Weinfest, einer gemeinsamen Weinabfüllaktion (wird leider immer seltener…), der nächtlichen Eisweinernte oder beim Leichenschmaus am Tisch der Sargträger, also kurz gesagt nach einer gemeinschaftlichen dörflichen Arbeitsaktion gibt es immer wieder einen Umtrunk. Damit die Grundlage für den Moselriesling geschaffen wird, oder andersrum, damit es etwas gesundes zu knabbern gibt, wird sehr oft das Reiler Gemüse gereicht.

    2010-06-15-gehacks.jpg

    Die dabei anwesenden Mannsbilder verstehen natürlich kein Grünzeug darunter. Etwas handfesteres ist damit gemeint: Gehacks vom Rind! In rauhen Mengen und fingerdick auf eine möglichst dünne Scheibe Brot verteilt. Garniert mit Zwiebelringen. Als Vitaminalibi evtl. etwas Petersilie und Gürkchen. In der Trierer Gegend auch als Weinhändlerfrühstück bekannt. Wobei „Frühstück“ eher eine Zwischenmahlzeit bezeichnet, die man zu jeder Tagesstunde zu sich nehmen kann.

    2010-06-15-goldlay.jpg

    Als Wein dieses mal eigenes Gewächs, Reklame in eigener Sache:  2008er Reiler Goldlay Riesling Kabinett trocken, mit knapp 11% Alkohol ein passender Begleiter!? Falsch, das Thema war ja andersrum gestellt: Das Gehacks, das Reiler Gemüse, ist der passende Begleiter zum trockenen Moselriesling!

    Die Grundlage für lange Nächte, mit dem Riesling als Debattier-Tropfen, der Esprit und Phantasie beflügelt, statt sie zu lähmen, und dann trotzdem am nächsten Morgen frisch und klar sein.

  • Laubarbeiten

    2010-06-10-heften.jpg

    Die Rebtriebe werden zur Zeit in den Drahtrahmen eingeschlauft damit kein Windbruch entsteht und die Reben eine optimale Belichtung und Besonnung bekommen.

    Während ich vor zehn Tagen hier noch schrieb, dass die Natur hinter dem langjährigen Mittel hinterherhinkt, brachte die tropisch, heißen Temperaturen in den letzen Tagen einen enormen Wachstumsschub. Mittlerweile dürften wir wieder im Schnitt des langjährigen Mittels sein.

    Ergiebigste Regenfälle haben die Boden ausreichend mit Wasser versorgt. Mit Sorge schauen wir jeden Tag zum Himmel, denn die Unwettergefahr ist bei diesem extrem schwülen Wetter sehr hoch. Es gab mehrere kleine Gewitter in den letzten Tagen. Gestern hat es viele Winzer und Bauern in Pfalz und Rheinhessen getroffen. Ein schweres Hagelunwetter in der Pfalz hat über 6000 ha Weinberge fast vollständig vernichtet.

  • Plastiktüte

    2010-05-30-landblatt1.jpg

    Während heute jeder ungefragt ohne Bezahlung Bilder macht wenn sich der Winzer mit dem Kettenschlepper in den Weinberg stürzt, ich berichtete hier darüber, gab es früher noch Geld dafür.

    Neulich fand ich diese Plastiktüte wieder. Nach der Wende wollte die Ostdeutsche Zeitung „Deutsches Landblatt“ im Westen expandieren und startete eine Werbekampagne. Als Winzer durfte ich mit einer Hacke bewaffnet im Weinberg Model stehen. Für die paar Stunden gabs dann 300 Mark als Lohn. Verwendet wurde das Bild für Flyer und obige Plastiktüte, die, gefüllt mit einer Zeitung, mir auf einer Agrarmesse massenhaft begegnete. Und keiner hat mich erkannt…

    Hätte es damals schon diesen Jungbauernkalender oder jenen gegeben, ich hätte mich sicherlich beworben und einer Zweitkarriere neben dem Winzerdasein hätte nichts im Weg gestanden.

  • Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben

    2010-06-01-mahen.jpg

    In den letzten Tagen habe ich die Begrünungen in den Weinbergen zum ersten mal gemäht. Die Natur ist dieses Jahr etwas spät dran. Wie auch mein Kollege Bernhard aus Österreich hier schreibt, ist das Rebwachstum noch nicht soweit wie in den Vorjahren.

    Viele Winzerkollegen befürchten schon das schlimmste. Aber kein Grund zur Besorgniss für den kommenden Weinjahrgang. In den nächsten Tagen ist sehr warmes Sommerwetter gemeldet und die Böden haben genügend Niederschläge bekommen. Schnell kann die Natur den Vegetationsrückstand aufholen und allen Unkenrufen zum Trotz, kann aus dem jetzigen Vegetationsrückstand keinerlei Aussage über die zu erwartenden Qualitäten des nächsten Weinjahrganges hergeleitet werden.

    Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und abwarten. Es ist jetzt viel zu früh, um die künftige Weinqualität beurteilen zu können. Wir sollten nicht schon im Juni von Jahrhundertsommern reden und zwangsläufig im September über Jahrhundertjahrgänge, oder umgekehrt. Das sollte man frühestens tun, wenn die Trauben geerntet und die Weine probierfähig sind.

  • Die Ruhe und die Natur suchen

    2010-05-30-bit.jpg

    Ein Kurztrip mit Freunden ins Biertrinkerland Eifel liegt hinter uns. Fast direkt vor unserer Haustüre gelegen, wanderten wir einige Tage in der Südeifel.

    2010-05-30-schloss-hamm.jpg

    Als Standort für unsere Wanderungen diente das Schloß Hamm. Die größte bewohnte Eifelburg vermietet Ferienwohnungen, die genauso geräumig sind wie Schloßsäle.

    2010-05-30-prum.jpg

    Die Natur war überwältigend. Sehr schöne Wiesentäler und der mäandernte Fluß Prüm begeisterten mich und meine Mitwanderer. Ursprüngliche Natur und nicht mit Touristen überlaufen.

    2010-05-30-forellen.jpg

    Die Bäche sind noch sauber und mit Abendessen gefüllt.

    2010-05-30-libelle.jpg

    Fürs Foto hielt sogar die Libelle still.

    2010-05-30-grillen.jpg

    Nach dem Wandern ein deftiges Eifeler Essen mit einem Bier zum Durstlöschen, dann allabendlich eine Weinprobe mit den mitgenommenen Weinen  im Schloßhof. Ohne Riesling geht es nicht!


    Größere Kartenansicht

  • Junges Leben

    2010-05-25-austrieb.jpg

    Verzögert durch die Lagerung im Kühlhaus vor der Pflanzung, fangen die frisch gepflanzten Rieslingreben an auszutreiben. Das grün gefärbte Paraffin verhindert das Austrocknen der Veredlungsstelle. Wenn die Triebe etwas länger sind, wird bis auf einen Trieb, der idealerweise die Verlängerung der Wurzelstange darstellt, ausgebrochen. Dieser Trieb wird dann der spätere Rebstamm.

    Nun fehlt noch Wärme, Regen im richtigen Maß und unsere Pflegemaßnahmen, damit die Rieslingreben optimal wachsen können.

  • Gabriele 20

    2010-05-26-gabriele.jpg

    Beim Aufräumen ist mir diese legendäre mechanische Schreibmaschine wieder in die Hände gefallen.  Auf dieser Maschine wurde Geschichte geschrieben, Ökoweinbaugeschichte!

    Neben den ersten Weinrechnungen meiner damals noch jungen Selbstständigkeit und meiner Meisterarbeit, die ich in die Tasten hackte, spielte Gabriele 20 eine sehr bedeutende Rolle im ökologischem Weinbau. Während andere Ökowinzer in Deutschland – vielleicht typisch deutsch – zuerst einen Ökoweinbauverein gründeten, hatten wir Moselaner andere Dinge in unserem Blickfeld. Nach monatelangen Diskussionen wurden an der Mosel 1983 die weltweit ersten Richtlinien für den ökologischen Weinbau erstellt. Mit Gabriele zu Papier gebracht, ebenso wie die spätere Satzung des Regionalverbandes Mosel von ECOVIN.

    Ich werde Elke vom Weinmuseum Reil fragen, ob sie dafür ein ehrwürdiges Plätzchen in ihrem Museum hat.

  • Weinrallye 33: Weine aus Aromasorten

    weinrallye_140.jpg

    Aus Österreich von Vinissimus kommt nun der Aufruf zur Weinrallye:

     Aromatische Weine – Weine aus Aromasorten

     „Nach dem sich heuer doch ziemlich in die Länge ziehenden, strengen Winter gibt es derzeit die ersten wirklich warmen Tage, die genußvoll im Freien verbracht werden können. Wenn der Frühling im vollen Leben steht, alles zu sprießen und blühen beginnt, ja dann wollen auch auch die menschlichen Sinne zu neuen Höchstleistungen angespornt werden. Da wollen wir uns nicht mit faden und belanglosen Einheitsweinen zufrieden geben, dann müssen (frische) Weine von duftintensiven Rebsorten ins Glas. Zumal für mich das Riechen, das Beschnuppern des Weines zu den schönsten Vorfreuden nach dem Öffnen der Flasche zählt. Also liebe Nasentrinker – outet euch und eure Beziehung zu den Aromasorten.“

     Das passte wie die Faust aufs Auge. Einige Stunden vor der Bekanntgabe des Themas bekam ich, fast just in time, eine entsprechende Flasche geschenkt.  Unser Freund Michael, Oberkellermeister, bekam davon Wind, wollte mit verkosten und brachte auch noch zwei Weine mit. In diesem Jahr die erste Weinverkostung, die wir auf der Terasse durchführen konnten.

    2010-05-18-morio.jpg

    Zuerst wurde ein Morio Muscat lieblich probiert. Technisch sauber, dominierende Süße, am Anfang sehr neutral im Duft, mit zunehmendem Lufteinfluss doch ein verhaltenes Bouquett zeigend. Einfachste Discounterware die für meine anspruchsvollere Zunge äusserst ungeeignet ist.

    Der darauf folgende 2008er Gewürztraiminer trocken, ebenfalls aus der Pfalz, zeigte da schon andere Qualitäten. Schon bedeutend intensiver im Duft und mit mehr schmackes ein besserer Vertreter eines Discounterweines. Aber so richtig Freude kam trotzdem nicht auf. Vielleicht bin ich auch verwöhnt.

    2010-05-18-stulb.jpg

    Der Aha Effekt kam beim Gelben Muscateller von meinem Kollgen Klaus Stülb. Das Gegenteil zu den vorher verkosteten Weinen. Ein typisch intensives, aber nicht aufdringliches Muskatbukett. Ein Blumenstrauß an Duftnoten, die aus dem Wein den Weg in unsere Nasen fanden. Eine perfekte Balance zwischen Bouquett, Säure und Süße. Die hohe eigene Gärungskohlensäure lockerte die die Süße auf und ließ sie nicht aufdringlich werden. Alle Achtung, was Klaus aus dieser Exotensorte, an der vom Riesling dominierten Mosel gemacht hat. Bestens geeignet zum Dessert oder für ein Sologläschen auf der sommerlichen Terasse.

  • Gelddruckmaschine?

    In meinem nächsten Leben werde ich Weinverkostungsveranstalter. Im Moment kommen fast täglich per Mail oder Brief Aufforderungen, an den verschiedensten Weinwettbewerben teilzunehmen. Sei es awc vienna, die Zeitschrift Selection, die Berliner Weintrophy, Best of Bio, Gault Millau, DLG, Feinschmecker EcoWinner, Cervim Steillagenweinverkostung, Int. Bioweinpreis, Mundus Vini und viele mehr. Ich hätte ja keine Probleme, Weine zu all diesen Verkostungen zu schicken, aber die Gebühren sind teilweise recht massiv. Bei den großen Weinführern Gault Millau, Eichelmann und Feinschmecker noch ohne zusätzliche Kosten – ECOVIN will mal gerade bescheidene 20 € Auwandsentschädigung pro Probe – jedoch dann geht es richtig zur Sache. Ab 70 € bis über 100 € pro angestelltem Wein verlangen die Veranstalter für Ihre Mühen. Es scheint sich richtig zu lohnen, denn diese Wettbewerbe haben sich in den letzten Jahren massiv vermehrt. Damit wird richtig Geld verdient Geld gedruckt.

    Die Aussagekraft der dabei vergebenen Medailien ist teilweise sehr fraglich. Vorlieben einzelner Verkoster, die Rahmenbedingungen der Verkostung, das persönliche wohl- oder unwohlbefinden der Verkoster und vieles mehr beeinflussen stark die Ergebnisse. Es ist sehr einfach zu sagen das der Wein im Glase sehr gut ist, aber die objektive Einstufung in ein starres Punktesystem würde ich als sehr fraglich sehen, von einer Wiederholbarkeit solcher Punktevergabe ganz abgesehen. Zudem sind die Werbeeffekte vieler solcher Wettbewerbe unbedeutend und das Portomonai des Winzers wird auf jeden Fall um einiges erleichtert.

    Wein-Inside.de, ein B2B-Online-Magazin widmete dem Medailienregen einen Artikel, welchen ich auszugweise zitiere:

    ”Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wein in einem Wettbewerb mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wird, kann statistisch gesehen nur mit Zufall erklärt werden.“

     Zu diesem Ergebnis (neben anderen) kommt Robert T. Hodgson, emeritierter Professor für Statistik und Ozeanographie der Humboldt State University, in seiner jetzt im “Journal of Wine Economics” veröffentlichten Studie “An Analysis of the Concordance Among 13 U.S. Wine Competitions”.

     Mit seinem mathematischem Hintergrund sei er jemand, der viel hinterfrage, teilt er uns mit, und nachdem seine eigenen Weine in dem einen Wettbewerb als „Best of“ ausgezeichnet wurden, in anderen aber überhaupt keine Auszeichnung erhielten, sei es für ihn naheliegend gewesen, dieser Frage nachzugehen.

    Hierzu untersuchte Hodgson die Resultate von 13 US-amerikanischen Weinwettbewerben des Jahres 2003, zu denen mehr als 4.000 Weine eingereicht worden waren. Darunter 2.440 Weine, die in mehr als 3 Wettbewerben eingereicht wurden.

    Im Ergebnis stellt Hodgson fest, dass zwar 47 Prozent der Weine mit einer Goldmedaille in einem der Wettbewerbe ausgezeichnet wurden, 84 Prozent dieser Weine in anderen Wettbewerben allerdings ohne Auszeichnung blieben. Der gleiche Wein, dem in einem Wetteweb eine außergewöhnliche Qualität bescheinigt wurde, wurde in anderen als unterdurchschnittlich bewertet.

     Robert Hodgsons Fazit

     1) Zwischen den 13 untersuchten Weinwettbewerben gibt es hinsichtlich der Weinqualität so gut wie keinen Zusammenhang.

    2) Ein Wein, der in dem einen Wettbewerb mit Gold ausgezeichnet wird, erhält in einem anderen höchstwahrscheinlich keine Auszeichnung.

    3) Die Wahrscheinlichkeit, eine Goldmedaille zu erhalten, kann statistisch gesehen nur mit Zufall erklärt werden.

    In einer früheren, 2008 veröffentlichten Untersuchung ( „An Examination of Judge Reliability at a major U.S. Wine Competition“) ging er der Frage nach, ob die an Weinwettbewerben beteiligten Juroren den gleichen Wein auch in einer zweiten Verkostung gleich bewerten. In den Jahren 2005 bis 2008 beteiligten sich jährlich zwischen 65 und 70 Juroren an diesem Experiment. Ergebnis: Lediglich etwa 10 Prozent der Juroren waren in der Lage, den gleichen Wein in unterschiedlichen Verkostungen der gleichen Medaillengruppe zuzuordnen.

    2010-05-19-du-monde.jpg

    Da es aber dem eigenen Ego sehr gut tut, nehme ich trotzdem an einigen Weinwettbewerben teil und es schmeichelt, wenn mal wieder eine Urkunde oder eine lobende Erwähnung in Haus flattert, wie obige Silber Medaille von der internationalen Rieslingverkostung Riesling du Monde in Frankreich, die die letzten Tage kam.