Zwischen Reben, Chaos und Feierabendwein: Der tägliche Wahnsinn im Weinberg

Autor: Harald

  • Stockentlastung

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    Zur Zeit sind wir bei den Laubarbeiten, also dem einschlaufen der grünen Triebe in den Drahtrahmen. Ganz gemütlich. Das Wachstum der Rebstöcke ist sehr langsam geworden, teilweise stehen geblieben. Geschätzte 20 bis 40 cm weniger Trieblänge wie es dem Entwicklungsstand so kurz nach der Rebblüte entsprechen würde. In unseren jüngeren Weinbergen findet man an einzelnen Reben des öfteren wassermangelbedingter Kümmerwuchs. Zu Entlastung dieser Rebstöcke wurden die Fruchtruten abgeschnitten, damit die Assimilationsfläche vermindert wird und die Pflanze überlebt.

    Man hört nicht gutes von Kollegen. Es gibt beängstigende Nachrichten über dramatische Auswirkungen dieser Trockenperiode. Gerade jetzt wäre Wasser sehr nötig, da in den jungen Beeren das Größenwachstum beginnt und ohne Wasser gibt es keine großen Trauben. Die Metereologen sagen in ihren Prognosen zwar ständig reichliche Niederschläge voraus, aber je näher diese Vorhersagen zeitlich kommen, desto geringer wird der gemeldete Niederschlag und löst sich anschließend in heisser Luft auf.

    Nachtrag 05. Juni morgens:

    Kaum hat man gejammert und geschrieben kam der Regen gestern Nacht. 10 Liter waren gemeldet und nun gab es 15 Liter. Mal schauen, was von den nächsten gemeldeten Niederschlägen denn wirklich zu Boden kommt.

  • Newsletter No. 3: Das erste deutsche Vinocamp, Hintergründe und Angst macht sich breit

     

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    Über das Internet, bzw. das Web 2.0, kennt man die bloggenden Kollegen schon länger und nun ist persönliches Kennenlernen angesagt.  Am 18. und 19. Juni ist ein Weinbloggertreffen in der Weinuni Geisenheim angesagt. Ein sogenanntes BarCamp, im Weinbereich natürlich Vinocamp genannt. Ich freue mich schon, die Personen, die man aus dem virtuellen Leben kennt, in natura kennen zu lernen.

    Beim Vinocamp gibt es keine Teilnehmer, sondern nur Mitwirkende! Ein BarCamp ist eine offene Tagung, deren Ablauf und Inhalte von den Teilnehmern im Tagungsverlauf selber entwickelt werden. Es wird von jedem Teilnehmer erwartet, das er aktiv am Geschehen teilnimmt. Das Vinocamp ist keine Konferenz auf der einfach Wissen konsumiert wird, es wird getauscht und geteilt, geben und nehmen. Meine Aktivitäten konzentrieren sich auf den ökologischen Steillagenweinbau und die Kellertechnik.  Mit Iris und Karl-Josef zusammen werde ich zu diesen Themen referieren und mit den Teilnehmern diskutieren.

    Der von uns angebotene Ausbildungsplatz  als Winzer steht kurz vor der Besetzung. Mehrere junge Menschen absolvierten in den letzten Wochen ein Kurzpraktikum in unserem Weingut. So lernte ich die Arbeitsweise, die Motivation und das Sozialverhalten kennen.  Diese Woche noch eine Kandidatin und nächste Woche wird entschieden wer die Lehrstelle bekommt. Kerstin, meine jetzige Azubine, wird in vier Wochen die Gesellenprüfung machen und dann in die rauhe Arbeitswelt entlassen.

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    Der erst letzte Woche abgefüllte Mosto Cotto hat schon Freunde gefunden. Die Musterflasche, die in der Probierstube stand, wurde kurzerhand von einem Freund entführt und zurück kamen zwei Gläser Rhabarberchutney mit Mosto Cotto. Passt hervorragend zu Käse.

    Wir haben zur Zeit drei Wochen Vegetationsvorsprung. Der Riesling ist am blühen. Die Rahmenbedingungen sind sehr gut, so das eine gute Befruchtung zu erwarten ist.

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    Nachdem am 4. Mai in weiten Teilen Deutschland die Reben mehr oder weniger erfroren sind, ist die derzeit herrschende Trockenheit das beherrschende Thema und macht uns Angst. Es soll der trockenste Frühling seit 1893 sein. Wir hatten zwar das Riesenglück das am 20. Mai ganz regional in Reil 23 Liter Regen fielen, aber die Reben dürsten weiterhin nach Wasser. Das Längenwachstum der Triebe ist stellenweise stark vermindert und das Laub verfärbt sich gelblich. Es gibt Standorte an der Mosel, bei denen sogar alte Rieslingreben mit entsprechend tiefen Wurzeln, unter massivem Wasserstreß leiden und die Situation dramatisch wird. Etwas Regen ist in den nächsten 24 Stunden gemeldet, die lang erhoffe Entspannung wird es nicht sein. Die Situation dürfte weiterhin sehr kritisch bleiben und macht uns Angst.

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  • Rieslingkonzentrat: Mosto Cotto

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    Wir haben im letzten Jahr ein Neues Projekt gestartet: Während der Weinernte wurde fleißig eingedampft und heraus kam ein Rieslingkonzentrat, das ich zum Anlass nahm, mich zum Öchslekönig zu küren.

    Die Rede ist von unserem neuen Projekt der Riesling-Balsamessigherstellung. Der Balsamessig ruht seit Oktober vergangenen Jahres in kleinen Holzfässern und braucht noch etliche Monate Reifezeit.

    Das Rieslingtraubenkonzentrat, ein Vorprodukt der Balsamessigherstellung, können Sie jetzt schon erwerben. Es wurde im Herbst schonend auf sehr kleiner Flamme eingedickt und hat dunkelbraune Farbe.

    In Italien als Mosto Cotto oder Saba bekannt. Der Rieslingtraubensirup ist geeignet zum süßen und aromatisieren. Der aromatische, fruchtig-karamellige Geschmack passt hervorragend zum Verfeinern von Suppen, Soßen, Desserts, Salaten und ist perfekt bei überbackenem Ziegenkäse. Nicht nur die Süße ist die Stärke, die Aromatik stellt alle anderen Sirupe in den Schatten.

    Die alten Römer verwendeten ihn schon: sapa (defrutum, caroenum): angenehme Farbe, riecht gut und schmeckt süß. Hierzulande in Vergessenheit geraten und nun von uns wiederentdeckt. Natürlich aus Riesling, wir können ja sonst fast nichts anderes.

    Die Bestellmöglichkeit  finden Sie hier.

  • Rebblüte

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    Die Rieslingblüte hat eingesetzt. Dies ist der früheste Blütebeginn seit es Aufzeichnungen gibt. Der Entwicklungsvorsprung zum langjährigen Mittel beträgt etwa 20 Tage.

    Das ist nicht unbedingt gut. Für die Aromaausbildung der cool climate Pflanze Riesling sind kühle Nächte während der Reifephase wichtig. Je früher die Blüte, desto wahrscheinlicher ist es, das die Reifezeit in den August mit warmen Nächten fällt. Aber was jammere ich: Jahre mit einer frühen Blüte waren immer gute Weinjahre.

    Wichtig sind jetzt warme Temperaturen damit die Trauben gut verblühen und danach Regen für alle Winzer, damit die Trauben an Größe zulegen können.

  • Weinrallye 45: Reifer Wein

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    „Nachdem Drunkenmonday nun schon bei einigen Weinrallyes durch Beiträge mitwirkte, ist es nun an der Zeit, auch einmal aktiv diese auszurichten.Da der „Jungweindrinkwahn“ immer weiter um sich greift, lautet das Thema diesmal: „Reifer Wein“. Die Grenze dafür haben wir bei dem Jahrgang 2000 gezogen. Also alle Weine aus dem Jahrgang 2000 oder älter sind für die Weinrallye #45 zugelassen.“

    So der Aufruf von Drunkenmondy, einer Gruppe von Weinenthusiasten aus Hessen.

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    „Alte Kamellen“ habe ich zur Genüge. Gesammelt und eifrig in der Schatzkammer gebunkert. Nur noch selten wird aus der Schatzkammer eine Flasche entnommen. Während früher die alten, reifen Weine eine höhere Wertschätzung genossen haben, wird heute jungen Weinen der Vorzug gegeben. Vor nicht allzu langer Zeit wurde reife, goldfarbene Weine sogar besungen („Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär – Willy Schneider (1950)“)

    Wertewandel!  Die Weinwelt verändert sich, das Konsumentenverhalten auch und wissenschaftliche und technische Innovationen im Weinberg und Weinkeller beeinflussen auch noch. Der Klimawandel hat zudem in den letzten 20 Jahren massiv die Weinqualitäten geändert.

    Meine Wahl ist auf einen 1985er Riesling trocken gefallen. Meine erste Ernte in ersten Jahr meiner Selbstständigkeit als Winzer. Natürlich aus meinem ersten Weinberg, den ich einige Jahre vorher selbst gekauft und selbst angepflanzt habe, der erste Ertrag. Selbstverständlich schon ökologisch, ich habe noch nie etwas anderes gemacht.

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    Unvergleichlich, was da im Glas funkelt. Goldgelb die Farbe, leichte Firne und eine knackige, mineralische Säure. Dezenter Duft und keinesfalls altersmüde. Noch heute ein Trinkgenuss mit gutem Trinkfluss. Ein alter Riesling der unter Beweiss stellt, das der Moselriesling eine hohe Lagerfähigkeit hat.

    Solche Weine werde ich wahrscheinlich nie wieder produzieren können. Dieser 1985er Riesling trocken ist noch ein „richtiger“ Qualitätswein. Heutzutage finden sich in der Regel kleinere Spätlesen – nach damaligem Empfinden – sogar in der Literflasche wieder und die anderen Weine sind entsprechend qualitativ höherwertig. Damals hätte ich nur geträumt von solch reifen Trauben wie wir sie heute ernten.

    Die Klimaänderung, die sich seit 1988 bemerkbar macht, hat unsere Qualitäten massiv verändert. Durch früheren Rebaustrieb und frühere Blüte ernten wir heute viel höhere Qualitäten und, wie ich hier schon im Blog des öfteren schrieb, es gibt keine schlechten Jahrgänge mehr wie ich es in den 80zigern des letzten Jahrtausends noch erlebt habe.

     

  • Endlich!!!!

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    Gestern Abend die ersten Tropfen, fast Zeitgleich kam eine Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes per Mail.  Von 25 Liter je qm und leichtem Hagel war die Rede. Nach einer Stunde hatte es 23 Liter geregnet und der Hagel ist ausgeblieben. Unsere größten Sorgen haben sich damit vorerst erledigt. Leider war das Gewitter nur regional, im Nachbarort gab es schon einiges weniger, in anderen gar nichts. Von Kollegen hört man nichts gutes. Junge Rebanlagen auf flachgründigen Standorten leiden massiv unter der Trockenheit und Schäden sind schon jetzt absehbar. Fürs erste sind wir zufrieden, aber der Sommer mit heißen Tagen  kommt ja erst. Morgen soll es wieder Gewitter geben, hoffentlich für alle und ohne Hagel.

  • Handarbeit

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    Trotz des hohen Mechanisierungsgrades durch unserem Kettenschlepper können wir auf Handarbeit mit dem Karst nicht verzichten. Im Unterstockbereich ist er insbesondere in den Junganlagen noch im Einsatz.  Boden lockern und z.B. Brennnesseln entfernen, damit die jungen Reben ungestört wachsen können.

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    Für problematische Fälle und Grobarbeit ist die Wiedehopfhacke im Einsatz.  Neben den Karst auch heute im Einsatz um Dornen und störenden Buschbewuchs am Vorgewende zu entfernen.

    Die Wiedehopfhacke ist für Bodenarbeiten vorgesehen, bei denen maximale Gewalt ausgeübt werden muß. Beispielsweise für das Ausgraben und Kappen der Wurzeln eines Baumstumpfes. Mit dem beilartigen Kamm lassen sich auch die dicksten Wurzeln durchhacken. Mit etwas Entschlossenheit und Durchhaltevermögen ist das kein Problem.

  • Denkmal

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    Unser altes Winzergut, ein Bürgerhaus von 1700, ist denkmalgeschützt und in vielen Teilen noch im Originalzustand. Die Holzwendeltreppe bis in den Dachstuhl, die originalen Türen im Obergeschoss nebst handwerklich perfekten Kastenschlössern und feinsten schmiedeeisernen Türbeschlägen. Auch die alten Sprossenfenster haben Ihren Reiz, aber nur im Sommer, im Winter war durch die Einfachverglasung bisher Zittern angesagt, eine Raumlüftung nicht nötig.

    Eine Änderung mußte her. Die Untere Denkmalschutzbehörde wurde kontaktiert, leider mit einem weniger erfreulichem Ergebniss für uns. Es hieß immer wieder Nein zu unseren Vorschlägen, das geht nicht. Was gehen könnte, sagten die Damen von der Behörde nicht.

    Eine Lösung wurde nach langem Suchen im letzten Jahr gefunden. Bei einem Freund wurde ich zu einem Glas Wein eingeladen wurde. Nach dem zweiten Glas Riesling schaute ich mir die ebenfalls unter Denkmalschutz stehenden Fenster an und hatte die Lösung für unsere Fenster vor Augen: Vorsatzscheiben!

    Die Tanten bei der Denkmalpflege wussten von dieser Lösung, aber anstatt uns auf diese Möglichkeit hinzuweisen wurde sich, bis auf das bekannte Nein, im Schweigen geübt.

    Die Vorsatzscheiben meines Freundes waren schon lange eingebaut und da die Zeit nicht stehenbleibt, wurde dieses System vor kurzer Zeit verbessert. Mittlerweile Metallbedampft und sekurisiert erreicht man eine Wärmedämmwert von ca. 1,9 W/m2.

    Das nächste Problem tauchte auf. Diese neuen Vorsatzscheiben waren wirklich neu und in der Region hatte keiner Erfahrung damit. Auf Empfehlung einer Freundin, von Beruf Architektin, fand sich ein Schreiner, der den Versuch wagte. Der bisher vierte Schreiner, der bei uns mit Renovierungsarbeiten betraut wurde. Mit Erfolg! Einer, der noch das klassische Handwerk versteht und beherrscht.  Die Scheiben erhöhten im letzten Winter den Wohlfühlfaktor im Haus gewaltig. Die Küchentüre, die beim Öffnen und Schließen immer über den Boden schliff, wurde nebenbei auch noch repariert – das schafften die bisherigen Schreiner nicht, bzw. erklärten das für nicht reparabel- und letzte Woche hat unser Hausmaler frischen Lack auf die Fensterrahmen aufgebracht. Auch einer, der sein Handwerk versteht und den ich schon von meinen Eltern geerbt habe.

  • Große Sorgen

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    Anfang Mai und die Reben sehen aus wie bei einer Julihitzeperiode.  Die letztes Jahr gepflanzten Rieslingreben, die mühsam mit Wassergaben aufgepäppelt wurden, zeigen schon massive Trockenstreßanzeichen. Die Triebspitze hat sich gestreckt. In einigen Tagen wird sicherlich die Gelbfärbung der Blätter erfolgen und die Triebspitze wird verdorren.

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    In etwas älteren Weinbergen ist das Triebwachstum schon schwächer geworden. Die Laubfärbung geht ins gelbliche über, da durch den Wassermangel keine Nährstoffe aus dem Boden aufgenommen werden können.

    Die Sorgen werden größer und damit zu großen Sorgen und das schon zu Beginn der Vegetationsperiode. Die ganz jungen Reben kann ich ja noch wässern, aber der Rest? Die Mosel anzapfen? So einfach ist das nun auch wieder nicht. Mal abgesehen davon das mir die benötigten Wasserrechte nicht gehören, die Mosel hat nicht genügend Wasser. Durch die Stauhaltung sieht es so aus als ob genügend drin wäre, aber es kommt einfach nichts nach.

    Wenn alle Winzer zum Bewässern Moselwasser nehmen würden, lägen die Schiffe auf dem trockenen und hier bei uns in Reil wäre sicherlich das Flussbett ausgetrocknet, da die Kollegen moselaufwärts sich reichlich bedient hätten. Also doch hoffen und beten das der Himmel in den nächsten Tagen seine Schleusen öffnet.

  • Spätfrost

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    Da ich einige Tage ausser Haus war, nun ein Bild der Frostschäden der letzten Woche. Es sieht arg aus. Nach der ersten ganz groben Schätzung,  habe ich mir heute unseren Rivanerweinberg nochmals angesehen.  Geschätze 70 bis 80 % der Triebe sind erfroren und mittlerweile vertrocknet. Tröstlich ist, dass es nur unsere winzige Rivanerparzelle betroffen hat.

    Massive Spätfrostschäden sind in ganz Deutschland und Österreich entstanden, eine genaue Schadensbilanz wird es sicherlich erst in den nächsten Tagen geben.