Zwischen Reben, Chaos und Feierabendwein: Der tägliche Wahnsinn im Weinberg

Autor: Harald

  • Muß das sein?

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    Die erste Plastikweinflasche ist mir über den Weg gelaufen. Ich berichtete hier schon vor einiger Zeit über dieses Behältniss. Es ist zwar nicht der Untergang der Weinkultur, für die Qualität des Weines auf jeden Fall abträglich.

    Die hohe Gasdurchlässigkeit ist ein Problem. Sauerstoff rein, dazu noch die Düfte aus der Lagerumgebung der Flasche, Weinaromen können zusätzlich durch den Werkstoff abgebunden werden. Über Weichmacher und sonstige Chemikalien können sie sich hier und hier sachkundig machen. Die Ökobilanz wird immer schön geredet, genaue Zahlen gibt es fast nicht in der Öffentlichkeit.

    In der gestrigen Ausgabe des deutschen Weinmagazin fand sich passenderweise ein Fachartikel zum Thema CO2 Bilanzierung von Weingütern aus dem ich kurz zitieren möchte: „…CO2 Ausstoß bei der Produktion einer 400 gr schweren Weinflasche… mit etwa 200 gr. Bei der PET-Flasche lieger der Ausstoß etwa doppelt so hoch… “

    Der Einfachheit halber können sie weitere Informationen über den CO2 Ausstoß hier oder hier nachlesen.

    Obige Flasche brachte mein Freund Michael, Oberkellermeister, mit.  Eine Sonderfüllung für die Lufthansa. Dort hat dieses Plastikbehältniss aus Gewichtsgründen seine Berechtigung. Der Wein, frisch gefüllt, hat geschmeckt. Aber wie schmeckt der Wein in einigen Tagen, Wochen, Monaten?

  • Winter ade

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    Frühlingshafte Temperaturen und ein dauerhaftes Hoch. Ideales Frühlingswetter! Durch die warmen Temperaturen der letzten Tage fangen die Reben an zu bluten. Die Rebwurzeln drücken Wasser und Nährstoffe in die Leitbahnen, welches an der Schnittstelle austropft bis die Leitbahnen verstopft sind. Nur noch kurze Zeit und die Landschaft wird wieder ergrünen.

  • Newsletter No. 2: Peinlichkeiten, Hintergründe und eine sehr gute Nachricht

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    Unser erster Newsletter fand gute Resonanz. Sehr positive Reaktionen kamen per Mail, bei meinen Bemerkungen zum Riesenschwanzvergleich fühlten sich einige andere auf den Schlips getreten. Die Diskussionen über Blogranking finde ich lächerlich und nichts sagent, wie auch Theo Huesmann hier beschreibt. Es sind, wie ich schon im letzten Newsletter berichtete, kleine Jungenspiele. Eine am Tag später geführte Diskussion auf facebook und anderen Blogs zu diesem Thema habe ich nur als peinlich empfunden.

    Ebenso wie es dem Besitzer obigen Traktors  peinlich war, den Traktor in den Steilhang zu werfen. Am Wegrand geparkt, einige Zeit im Weinberg gearbeitet, die Handbremse löste sich, der Traktor rollte den abschüssigen Wirtschaftsweg hinab und landete in Nachbars Weinberg. Passend zur Mittagszeit an der Reiler Brücke und binnen kürzer Zeit war diese Neuigkeit Peinlichkeit im Dorf verbreitet. Personenschäden waren nicht zu verzeichnen, zwei Reben haben es nicht überlebt, der Seitenspiegel nebst Seitenscheibe am Traktor kaputt, einige Stickel krumm und Kratzer am Lack. Die Rechnung der Bergung war sicherlich das teuerste an dieser Aktion.

    Das demokratische Weinbuch von Rainer Balcerowiak macht Furore. Nachdem ich im November eine Rezension geschrieben hatte, berichtete auch der Stern und andere Medien über dieses lesenswerte Buch. Umso erfreulicher war es nun für mich, das der Autor mittlerweile eine Weinkolumne im Internet hat in der er wöchentlich publiziert. Wenn sie sich über den kulinarischen Notfallkoffer, Verkosters Nightmare oder Aromajunkies informieren möchten, sollten Sie hier klicken!

    Die Winterarbeiten im Weinberg sind mittlerweile fast abgeschlossen. Dank zweier zusätzlicher Aushilfen konnte der winterbedingte Rückstand aufgeholt werden. Der Frühling, von dem ich vor einigen Wochen noch träumte, hält so langsam Einmarsch.

    Leider ist unsere Ausbildungsstelle zum Winzer immer noch nicht besetzt. Hat denn keiner Lust, dass klassische Handwerk des Winzers zu erlernen? Fast immer an der frischen Luft, abwechslungsreiche Arbeit in einer schönen Kulturlandschaft, soziale Einbindung in die Winzerfamilie und intensive Betreuung während der Lehrzeit! Was können wir mehr bieten? Bewerbungen nehmen wir weiterhin entgegen.

    Nun die sehr gute Nachricht: Unsere 2010er Weine sind alle abgefüllt. Es hat dieses Jahr etwas länger gedauert, die Weine hatten eine längere Reifezeit im Faß gebraucht. Fast wie in jedem Jahr: Frisch und fruchtig mit der typischen Eleganz des Moselrieslings. Nicht die Opulenz der herausragenden 2009er Rieslings, etwas zartgliedriger und feiner, aber wie immer in der Tradition und im Weinstil unseres Weingutes.

    Leider gibt es auch einen Wermutstropfen:
    Die Weinmengen sind äusserst begrenzt. Kühles Blütewetter verhinderte letztes Jahr eine optimale Befruchtung der Blüte. Nachfolgende Trockenheit im Juli und beginnende Traubenfäulniss vor der Ernte verringerten zusätzlich unsere Erntemengen. Mit einer 60 % Ernte ist der 2010er Jahrgang einer der kleinsten Jahrgänge der letzten Jahrzehnte.

    Wir gehen davon aus, das wir den 2010er nur begrenzt liefern können und etliche Weine schnell ausgetrunken sind. Eine rechtzeitige Bestellung ist anzuraten. Bestellen können Sie ab sofort hier und hier. Alternativ haben wir noch kleinere Bestände an 2009er und 2008er Weinen.

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  • Weinrallye 43: Riesling-Spätlese

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    Die Königsklasse, wie Ralf Kaiser meint. Von ihm stammt der Aufruf zur jetzigen Weinrallye mit dem Thema Riesling Spätlese. Na ja, was soll ich denn nun schreiben probieren? Der Weinkühlschrank ist gefüllt mit Spätlesen von Kollegen, eigene habe ich zudem auch noch.

    Probieren mag ich im Moment nicht. Eher erzählen, was ich unter einer Spätlese verstehe. Natürlich ist  alles genau reglementiert. Das Prädikat Spätlese ist abhängig vom Mostgewicht. Nur darauf achtet der Gesetzgeber. Es sind Mindestanforderungen an die Analytik. Vor der Klimaerwärmung, also vor etlichen Jahren, wurden diese Mindestanforderungen fast jedes Jahr neu angepasst. Im Weingesetz steht aber auch –  kontrolliert aber keiner – spätgelesene, vollreife Trauben! Das ist etwas ganz anderes wie die zur Zeit geforderten Mindestmostgewichte! Diese Mindestmostgewichte erreicht in der Regel schon unser Riesling in der Literpulle.

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    Das Ziel im Weinberg ist es, das Händchen Aroma, dass der liebe Gott über die Weinberge verstreut hat, in den Trauben aufzufangen. Neben einer guten Lage, am besten auf Gesteinsböden wie dem Moselschiefer,  ist ein entsprechend niedriger Ertrag erforderlich und kleinbeerige Trauben, die aromatischer sind. Dann etwas Stress für die Reben. Erst dann liefert der Riesling beste Qualitäten.

    Ganz wichtig ist eine lange Reifezeit, wenn das Wetter mitspielt,  damit die letzten Sonnenstrahlen noch in Geschmack umgewandelt werden. Heißt ja nicht umsonst Spätlese!

    Begleitet wird die Spätleseproduktion durch die Arbeit des Winzers bei der Ernte. Sortieren oder Selektieren ist ein ganz wichtiger Baustein. Stielkranke, faule Trauben müssen aussortiert werden. Entweder werfen wir die auf den Boden oder nehmen die weniger geschädigten bzw. frischfaulen Trauben für die Basisweinproduktion.

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    Die verbliebenen Trauben können dann weiter reifen und vollreif oder physiologisch reif geerntet werden.  Im Idealfall wird die Beerenhaut porös, Wasser verdunstet und er Rest konzentriert sich. Das sieht man der Traube übrigens an. Der Riesling wird goldgelb mit einer dünnen Traubenschale. Wenn man drauf beißt, läuft der Saft direkt aus der Beere, das Fruchtmark löst sich leicht vom Kern und dieser ist komplett braun verfärbt. Wenn das Ganze dann noch hocharomatisch schmeckt, ist das Ziel erreicht. Eine Spitzentraube für eine Riesling Spätlese. Dann braucht man keine Mostwaage oder andere Analysen, sehen, riechen und schmecken reicht aus. Nun noch schonend in kleinen Erntekisten zur Weinpresse bringen und dann darf der Kellermeister ran. Dessen Aufgabe beschränkt sie darauf, die 100% Geschmack, die in der Traube sind, nach Möglichkeit verlustfrei in die Weinflasche zu bekommen.

    Den Wein aus obiger Spätlesetraube gibt es übrigens hier zu kaufen.

  • Felssicherung

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    Man vergisst es immer wieder, dass die Mosel zwischen Hunsrück und Eifel liegt und das ganze ein Mittelgebirge ist. In einem Gebirge gibt es Berge und Felsen die auch mal abrutschen können. Einige Felsen bei Reil sind sehr morbide. Vor etlichen Jahren mußte sogar ein Fels mit Sprengstoff zu Fall gebracht werden.

    Bei zwei weiteren Felsnasen haben Industriekletterer im Auftrag der Bahn, die die Verkehrssicherungspflicht hat,  den Bewuchs zu entfernt und lose Felsbrocken gezielt zum Absturz gebracht. Nun werden Löcher gebohrt, damit Felsanker gesetzt werden können an denen später Drahtnetze befestigt werden. So soll verhindert werden, das Felsbrocken auf die darunter liegenden Gleise der Moselweinbahn fallen und Menschen gefährden.

  • Weinsteril

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    Noch zwei Abfülltage und der 2010er ist in der Flasche. Abfüllen heißt früh aufstehen. Die Füllanlage und der Sterilfilter, der evtl. noch vorhandene Hefen und Bakterien zurück halten soll, müssen mit Heißdampf sterilisiert werden. Der nicht dämpfbare Korkverschliesser wird mit reinem Alkohol desinfiziert.

    Wir nennen das Weinsteril: Sämtliche Keime (Hefen, säureabbauende Bakterien) die dem Wein schaden können, müssen durch den Sterilfilter entfernt werden und eine nachfolgende Wiederverkeimung in der Füllanlage wird verhindert.

  • Morgen

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    Morgen ist es soweit. Die ersten 2010er Weine werden abgefüllt. Die Abfüllanlage steht generalgereinigt an ihrem Platz. Die Korken kamen schon letzte Woche und heute palettenweise Weinflaschen die unsere Räumlichkeiten füllten. Den ganzen Kleckerkram, wie Desinfektionsalkohol, Zettelchen zum Beschriften der Gitterboxen nebst Stift, evtl. benötigtes Werkzeug, Lebensmittelechtes Fett und Öl für die Maschine und so einiges mehr ist in Reichweite postiert. Der neue Drehzahlregler (Frequenzumrichter) für die Weinpumpe will noch nicht so wie ich es will und muss nochmals neu programmiert werden.

    Die Weine sind für die Füllung vorbereitet und schmecken mir, die Helfer motiviert: Eigentlich dürfte Morgen nichts mehr schiefgehen. Bis Ende der nächsten Woche sollen alle Weine in der Flasche sein. Dann etikettieren, Preisliste schreiben und versenden, den Shop hier auf unserer Homepage aktualisieren und dann können Sie den neuen Jahrgang probieren.

  • Schade, das man einen Wein nicht streicheln kann.

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    Das übliche Spielchen unter Winzern: Weinflaschentausch. Ein Kistchen meiner Rieslinge ging auf den Weg nach Österreich zum Neusiedlersee und Kollege Bernhard Fiedler schickte mir eine Kollektion seiner Weine zu. War genau passend! Meine Bestände an Weinen von anderen Kollegen waren gegen null gesunken.

    Natürlich mußte sofort probiert werden. Mein Interesse fand der 2010er Muskat Ottonel, trocken, der im Alkohol leichter (11,5%) ist und ich an diesem Abend keine Mittrinker hatte. Schade, das man einen Wein nichtstreicheln kann, denn der Muskat Ottonel hätte es verdient. Für einen noch so jungen Wein (2010er) schon ein intensives, feines und würziges Muskatbukett. Typisch für solch eine Bukettrebsorte. Im Geschmack klar, brillant und wie ein frischer Bergquell. Kein fetter und wuchtiger Wein, eher leicht und verspielt. Leergetrunken, ratzfatz! War lecker!

  • „Wappen für Arme“

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    Die Hausmarke, eine Art einfaches Wappen für Bauern. Ein Sippenzeichen, welches aus einfachen Strichen leicht zu erstellen ist. Teilweise bezugnehmend auf den Beruf wie z.B. Müller, Schneider oder Schmied.

     

    Der älteste Sohn übernahm es für seine Familie, die anderen Söhne fügten weitere Symbole oder Striche dazu und hatten ihr eigenes Zeichen. Man kennzeichnete mit diesem Eigentumszeichen sein Werkzeug, Weinberge oder sein Haus. Heute kann man diese Hausmarken noch auf den Türstürzen der Eingangstüren oder Kellertüren sehen, die dort noch durch die Jahreszahl derHauserbauung ergänzt wurden.

     

    Unten links (Nr. 43) ist unsere Hausmarke. Mein Großvater verwendete es noch. Da ich der älteste Sohn bin und mein Vater nur Schwestern hatte, kann ich diese Hausmarke unverändert übernehmen, während mein Bruder noch einen Strich hinzufügen müßte, wenn er es weiter verwenden wollte. Wäre vielleicht eine Idee fürs Weingutslogo, aber wir haben ja eins.

  • Frühling?

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    Nachdem die letzte Woche nochmals mit bitterkalten Temperaturen und sehr feuchter Luft aufgewartet hatte, sagen die Wetterfrösche in den nächsten Tagen Frühlinghaftes Wetter voraus. Wird auch Zeit. In diesem langen und kalten Winter habe ich genug im Keller und Weinberg gefroren.

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    Die Katze träumt auf dem Drucker im Büro, anstatt draussen Mäuse zu jagen.

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    Ich hingegen träume von sommerlichen Weinproben auf der Terrasse.

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    Alternativ, falls der Frühling nicht kommt,  wäre obiger Whirlpool mit warmen Wasser und gekühltem Moselriesling auf der Schwimminsel ein alternatives Traumthema.

    Ab morgen wird unsere Weinbergsmannschaft noch durch zwei Aushilfen verstärkt, damit der Rebschnitt zügig erledigt wird. Winterbedingt sind wir im Rückstand und es ist noch einiges zu tun.